Wo wir hinfahren

In diesem Text möchte ich darlegen, wie ich die Dynamik unserer gesellschaftlichen Entwicklung einschätze. Damit beschreibe ich auch meine Motivation so ein Projekt wie den Community Bus zu starten.
Alfred Weiß, Juni 2017

 

Es geht um was.  Um was geht es?

„A cynic is a man who knows the price of everything, and the value of nothing.“ – Oscar Wild

Waren früher Macht, dann Geld die Organisationseinheit einer Gesellschaft war, so müssen wir uns heute weiterentwickeln, um überhaupt eine realistische Aussicht auf eine menschliche Zukunft zu haben.

Meines Erachtens ist die Schlüsselfrage dabei die Wiederentdeckung einer Kultur der Gemeinschaft. Was sich nett und harmlos anhört, beinhaltet ein großes Stück Arbeit, denn unsere Konditionierungen und unsere zahllosen Ersatzbefriedigungen versperren uns sehr sehr oft den Weg zu einem konstruktiven Miteinander.

Die ca. 5 % (diverse Schätzungen) Hardcore-Soziopathen in unserer modernen Gesellschaft wären eigentlich schon Bürde genug. Sie schaffen es durch Verstellung, Intelligenz und Intrigenspiel viel zu häufig in verantwortliche Top-Positionen. Doch haben sich die antisozialen Denk- und Verhaltensweisen quer durch alle Gesellschaftsschichten breit gemacht.
Übrigens gibt es einen kanadischen Doku-Film von 2003, der sehr schön darstellt, dass Großkonzerne ihrem Wesen nach wie Psychopathen agieren (müssen).

Gefangen im System

„Es ist schwer die Wahrheit zu erkennen, wenn Du dafür bezahlt wirst, sie zu ignorieren“ – von unbekannt

Da läuft doch was schief ? Ein kindisches Bildungssystem, das oft auf vordergründige und oberflächliche Annerkennung setzt, ein antisoziales Wirtschaftssystem, das Zahlen statt Werte belohnt, unterstützt von dummen Buchhaltungsregeln, das Gewinne privatisiert und Kosten auf die Gesellschaft abwälzt.

Ein Gesundheitssystem, dass davon profitiert, wenn Leute krank sind, ein Rechtssystem, das auf Recht-Haben statt auf Gerechtigkeit abzielt, eine Lebensmittelindustrie, die Kalorien statt Qualität erzeugt, eine Industrie, die selten an langlebigen Produkten interessiert ist.
Gekaufte Wissenschaft, verselbständigte Bürokratie, Privatisierung der Grundversorgung. Marketing vorne – Mogelpackung hinten.
Der Rahm für wenige Spezialisierte und „Connected“ und die Rama für den Rest.

Die herkömmlichen Medien sorgen für den zweiten Teil beim Brot&Spiele, maßen sich Deutungshoheit an und machen gute Miene zum bösen Spiel.
Zwischen Facebook-Like und WhatsApp füttern wir freiwillig und kostenlos die neuen Machthaber, die schon an den nächsten Manipulationen und Werbebombardierungen arbeiten.

Das Resultat

Hochgezüchtete Kinder, die angeblich einem „globalen Wettbewerb“ ausgesetzt sind, Zynismus unter Jugendlichen, die den gesellschaftlichen Fake –Verantwortlichkeit heucheln – egoistisch handeln– sehr gut durchschauen, ausgebrannte Hochleister und Drei-Jobs-Niedriglöhner, die nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.
Geld, das für das Menschliche fehlt und für das Absurde im Überfluss vorhanden ist. Mikroplastik in nahezu allen Gewässern um nur ein „kleines“ Beispiel für die unglaubliche Dummheit und Ignoranz unser Spezies zu nennen.

Der Crash bleibt aus

So weit, so schlecht. Ich persönlich erwartete den globalen Finanzkollaps schon seit Jahren, war mir 2008 sicher, dass das der Anfang vom Ende sei.

Ironischerweise basiert gerade das nüchterne, zahlenfixierte Finanzsystem auf Vertrauen. Es ist gerade das Vertrauen, das die moderne (Vertrags)-Welt so effizient macht und Wohlstand schafft.

Wenn dieses Vertrauenssystem erodiert, dann……Chaos wir kommen.
Jedoch, der Crash blieb aus. Gottseidank.
Warum und wieso und dass er möglicherweise nur verschoben wurde und die „Rettung des Finanzsystems“ im Grunde auch nur ein Witz ist –  eine andere Geschichte.
Uns wurde Zeit geschenkt.
Niemals wäre ein globaler Finanzcrash (und wir waren nach Aussagen von Insidern Stunden davor) „reinigend“ gewesen, wie manche meinen, sondern gesellschaftzersetzend. Ein zerstörtes Vertrauen in Institutionen, dem Rechtssystem und die Zukunftserwartung (Erspartem) hätte enorm negative Auswirkungen gehabt.
Wieder einmal hatte die Menschheit mehr Glück als Verstand.
Wer sich einmal damit beschäftigte, wie oft, wie nahe, die Menschheit schon vor – versehentlichen – atomaren Waffeneinsätzen stand, der kann sich nur dankbar wundern.

Die Veränderung

Seit zirka zwei bis drei Jahren macht sich bei mir Optimismus breit.
Wahrscheinlich ist das angesichts der globalen Lage, Syrien, Ukraine, Hungersnöte, Radikalisierung, Umweltzerstörung eigentlich auch ein Witz.
Eigentlich haben wir nicht das Recht über das Leiden anderer hinwegzusehen und „großzügig“ in Optimismus zu schwelgen.
Jedoch ist das genau der Punkt.
Ich glaube es ist eine ganz bestimmte Qualität, die jetzt wiederbelebt wird. Eine zutiefst konstruktive, eine verbindende, eine, die den Kreis schließt zwischen uns und dem außen. Zwischen uns und der Natur.
Wieder ironischerweise, eigentlich zutiefst paradoxerweise, ist es gerade der technische Fortschritt, der den Menschen wieder zu sich selbst bringt.

It´s the technology, stupid

Es ist die Technik, Dummerchen. Abgewandelt von dem bekannten Spruch aus der Clinton-Ära „It´s the economy, stupid“.

Neulich sah ich einen Talkshow-Ausschnitt aus den mittleren  90er-Jahren: „Was ist das genau mit dem Internet ? “ , „Was kann man da überhaupt damit machen ?“, „Ist das nicht viel zu teuer ?“ , „ist das nicht viel zu kompliziert für die Menschen ?“ , „Wird es sich überhaupt durchsetzen?“.
In nur wenigen Jahren hat sich das Internet von einer „unbekannten Technik“ zu einer normalen, zusätzlichen Dimension des menschlichen Alltags gewandelt.
Bin ich der Einzige, der aus dem Staunen über die neuen Möglichkeiten seit 20 Jahren nicht mehr rauskommt ? Bin ich der Einzige, der das Gefühl hat, dass sich sein Bewusstsein für die Welt ändert ?

Connecting the dots

Vielleicht werden viele widersprechen, aber ich sehe in den letzten Jahren genau diese Entwicklung hin zu mehr Verbindung, Mitgefühl, Empathie.

Es ist die Technik, die diesen Wandel in unserer Massengesellschaft überhaupt möglich macht. Größerer Wissenstransfer, intensivere Kommunikation, mehr Wahlmöglichkeiten, umfassendere Zusammenarbeit und Wohlstand.

Immer mehr kommt ans Licht. Interessanterweise könnte man mit Fug und Recht erstmal das Gegenteil behaupten: mehr Fake-News, mehr Geplapper, mehr Ablenkung, mehr Manipulation, mehr Dark-Net.
Meiner Meinung nach sind wir – in Deutschland spezifisch, vielleicht – in einer negativen Filterblase. Denn obwohl die negativen Aspekte, die jede neue Technik mit sich bringt, real sind, fällt es uns doch besonders schwer, einen Schritt zurückzutreten und einen größeren Blick auf das Ganze zu nehmen.

Wir sind mittendrin

Das was da gerade vor unseren Augen abläuft, ist die größte Wissens-, Kommunikations-, Zusammenarbeits-, Wahlmöglichkeits-, Emanzipierungsphase in der Geschichte der Menschheit.

Noch nie waren sich die Menschen über Länder-, Kultur-, Wohlstands-, Alters-, Interessensgrenzen hinweg so nah. Noch nie hatten wir so schnell, so billig, so viele Möglichkeiten.

So wie es für jeden monetär armen Menschen in Deutschland heute kein Thema mehr ist, sich für ein paar  Euro ein (gebrauchtes) Smartphone zu kaufen und sich günstig beziehungsweise kostenlos (Hotspots) zu verbinden, so wird es in absehbarer Zeit kein großes Ding für Millionen von Menschen in den Entwicklungsländer. Sie sind verbunden.

Erst der Anfang

War hier schonmal jemand auf einer Maker-Messe ?
Da treffen sich Bastler, Visionäre, Nerds, Weltverbesserer, Unternehmer und viele mehr und verschmelzen frappierende Ideen, IT, Elektronik, Pflanzen, Roboter, Künstliche Intelligenz.

Es ist ein kleiner Jahrmarkt dessen, was sich im Großen anbahnt beziehungsweise schon vollzieht: unglaubliche Entwicklungssprünge in den verschiedenen Teilbereiche, die nochmals potenziert werden durch ihre verschiedenen Kombinationen.
2016 kam Nicanor Perlas nach München. Ich war auf zwei Veranstaltungen des Grandseigneur ziviler Beteiligung (er ist als Schlüsselfigur mitverantwortlich dafür, dass auf den Philippinen keine zig AKWs auf Tsunami- und Erdbebengebiet gebaut wurden).
Auf einer Veranstaltung meinte er, wir haben nur eine Chance gegenüber der Wirtschaft und Politik auf Augenhöhe zu verhandeln, wenn wir eine Zivilgesellschaft organisieren, die weiß was sie will.
In der anderen Veranstaltung ging es um KI (Künstliche Intelligenz) und die Zukunft der Menschheit. Allein dass dieser Umweltaktivist dieses Thema aufgreift, ist schon bemerkenswert. Er will in ein bis zwei Jahren eine große globale Konferenz organisieren, in der umfassend darüber diskutiert wird, wie wir als Gesamtgesellschaft die Technik benutzen wollen und was wir verhindern müssen.

Neben den unglaublichen Potenzialen der Künstlichen Intelligenz, dessen Weichen heute gelegt werden, gibt es riesige Gefahren (Militär, Kontrollverlust, Fehlercodes, privilegierte Technik).
Gefahren ja, aber natürlich auch ganz neue Zukunftsmodelle.

2009 ist ein Konzeptpapier von einer unbekannten Person/Gruppe verfasst worden, das – jetzt noch fast unbekannt – in die Geschichte eingehen wird.
Es handelt sich um Satoshi Nakamoto und die Idee der Blockchain. Die Schlagwörter Bitcoin oder Kryptowährungen werden langsam bekannter, aber in Wirklichkeit handelt es sich um ein sehr sehr mächtiges Konstrukt, wie wir in Zukunft emanzipiert von zentralen Strukturen (zum Beispiel Zentralbanken, Banken, Behörden, Facebook, Google) Werte und Daten transferieren, Verträge abschließen, vernetzter, punktgenauer, effizienter wirtschaften können und sogar die Natur umfassend in unser Handeln integrieren können.
Wie sagt der blutjunge Ethereums-Gründer Vitalik Buterin „die großartigsten Anwendungen werden die sein, von denen wir heute noch gar nichts wissen.“

Die richtigen Schlüsse ziehen

„Die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, können wir nur überwinden, durch die Bilder einer Zukunft, die wir wollen,“ – Wilhelm-Ernst Barkhoff, Mitgründer der GLS-Gemeinschaftsbank

Ich finde: heute ist die spannendste Zeit, die wir uns vorstellen können.
Denn wir können das erfahren, was wir erfahren wollen, wir können miteinander in Kontakt treten wenn und wann wir wollen. Mit den technischen Möglichkeiten haben wir heute viel Stärkere Hebel unsere Ideen zu realisieren.
Zugegeben, die Herausforderungen und Gefahren sind ebenfalls hoch: Komplexität und Unübersichtlichkeit, tickende Zeitbomben der Umweltzerstörung, machtverlierende Autoritäten, die um sich schlagen.
Noch viel wichtiger ist aber, dass wir die Richtung kennen, in die wir gehen wollen.
Es scheint ein Geist erwacht zu sein, ein Geist, der uns alle in Richtung Vernetzung und Verbindung drängt.
Anders kann man die technologischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte meines Erachtens nicht interpretieren.
Dann würde ich sagen, nehmen wir an der Vernetzung teil, oder ?

Abfahrt in Richtung Zukunft

„The only thing that will redeem mankind is cooperation“ Bertrand Russell

Was symbolisiert den gemeinsamen Aufbruch besser als ein Bus ?
Seit Jahren bin ich Mitglied bei Omnibus für Direkte Demokratie , Leute dahinter touren seit Jahren durch die Lande, geben den Menschen eine Stimme und werben für demokratische Mitbestimmung.
Nicht unähnlich diesem Projekt soll der Community Mobil Bus durch München touren und den Menschen einen Raum für den gemeinsamen Aufbruch anbieten.

In jeder guten Geschichte hat die Hauptperson eine Wahlmöglichkeit.
Wir haben sowohl als Einzelpersonen als auch als Gemeinschaft viele Wahlmöglichkeiten.
Zuerst müssen wir uns aber über die Wahlmöglichkeit bewusst werden. Und davor wiederum bedarf es ein Verstehen unserer Situation.

Der Bus als ungewöhnlicher Ort und das Ausprobieren neuer-alter Formen wie zum Beispiel Wissenssalons, gemeinsame Lernrunden, Gemeinschaftsbildungsrunden ermöglicht uns neue Einblicke und Inspirationen. Und erinnert uns an diese Wahlmöglichkeiten.

In-die-Kraft-bringen

In jeder guten Heldengeschichte wird sich die Hauptperson Ihrer Kraft bewusst. Dieses In-die-Kraft-Bringen (Empowerment) ist wichtig, um uns selbst auf den Weg machen zu können.

Alte Konditionierungen lösen, geistige Hindernisse überwinden und uns lösen von alten Autoritäten, die uns nicht mehr führen können, weil sie nach den Gesetzen einer alten Welt handeln.
Auch das In-die-Kraft-Bringen liegt hier wieder in doppelter Hinsicht vor uns, als Individuen und als Gemeinschaft.

Die Realität

Wenn alles so einfach wäre !
Was liegt zwischen Wunsch und Wirklichkeit?
Was zwischen dem hehren „Sollte“ und dem automatischen „Ist“?
Was liegt zwischen dem richtigen Tun und der Realität des falschen Handelns?
Warum wünschen wir uns Harmonie und ernten Konflikte ?

Immerhin, die richtigen Frage sind die ersten Schritte zur richtigen Antwort.

We are family

Ok, wir sind eine Gesellschaft der Vereinzelten. Manche sprechen von „atomisierter“ Gesellschaft.
Aber wir haben doch unsere Familie, richtig ? Der Kern an Vertrauen und Zuneigung, den wir uns alle wünschen, der uns als roter Faden an Idealbild in der Werbung präsentiert wird.
Vielleicht hab´ ich hier meine schwarze Brille auf, aber Umgangsrecht, Unterhaltszahlungen, Notartermin, Scheidungsanwälte, Erbstreitigkeiten gehören meiner Erfahrung nach ganz selbstverständlich zum Vokabular moderner Familien, dass es fast schon als Normalität angesehen werden kann.

Können wir davon ausgehen, dass der zwischenmenschliche Umgang im Großen und Ganzen konstruktiver ablaufen kann als in unserer Familie, als Keimzelle unserer Gesellschaft ? Eher nicht.

Andererseits, was auch immer archetypisch, historisch, kollektiv da war , wir haben uns von vielen Dämonen fast ganz befreit (Kindesmisshandlungen, Kinderarbeit, Kindstötung, Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Zwangsheirat).

Neue Zeit & neue Dämonen

Menschsein heute bedeutet neben viel weniger Leid auch viel mehr Möglichkeiten und Freiheit. Aber es bedeutet auch ein neues Unvermögen und ein neues Defizit.
Als Einzelmenschen sind wir gewöhnt zu leisten, zu konkurrieren und zu kaufen.
Und sind auf der Selbstwertebene jeden Tag unzähligen Angriffen ausgesetzt .

Wir moderne Einzelmenschen sind einerseits reich, effizent und leistungsorientiert auf der Sachebene. Und andererseits begleitet von einem unbestimmten aber permanenten Mangelgefühl und Unvermögen. Gerade aus diesem Zwiespalt heraus, aus der mißlungenen Integration der materiellen und nichtmateriellen Ebenen scheinen wir uns so schwer zu tun mit dem Zwischenmenschlichen, bei dem es um Vertrauen, Öffnen, Akzeptieren, Abwarten geht.

Wir müssen auf die Couch !

Viele von uns haben aus Leidensgründen viel Therapie, viele Bücher, viel Wissen angesammelt und auch viel über sich ernsthaft reflektiert. Das hat alles einen ernsthaften Hintergrund, eben weil sich hinter unseren Geschichten soviel Leiden verbirgt.

Irgendwie haben wir in den letzten Jahren einen guten Job gemacht, wir wissen, dass konstruktive Kommunikation der Schlüssel zu einem konstruktiven Miteinander ist.
Und doch scheint ein großer Bruch zu liegen zwischen uns und den anderen.
Das Zwischenmenschliche war früher bestimmt nicht besser als heute, aber wir haben viele Instrumente heute nicht oder kaum mehr : Rituale, gemeinsames körperliches Arbeiten, gemeinsame Naturerfahrungen, Singen, Großgemeinschaft, gemeinsame spirituelle Erfahrungen, mehr gemeinsame Zeit.

Auf in die Runde

Auf der Couch waren wir schon. Wir müssen wohl jetzt in die Runde, das heißt mit anderen Menschen das Nichtintegrierte und die Konflikte teilen. Und dann neue-alte Lösungsmodelle ausprobieren und praktizieren.
Unsere Defizite und unser Mangelgefühl würden schon mal die Richtung vorgeben: hin zu einem anderen Wir. Keine Ideologien, keine Lehren, keine Gurus.
Keine Sachzwänge oder Pseudogemeinschaft für ein „höheres“ Ziel eines Unternehmens, Organisation oder Ideologie.

Was dann?
Eine vorsichtige Annäherung. Unsere echten Bedürfnisse entdecken und erfahren, dass wir als Menschen uns ergänzen und dass Verschiedenartigkeit keine Bedrohung ist.
Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, wir kommen ja daher, ohne Gemeinschaftsgefühl, Ethik und Mitgefühl wäre die Menschheit ja gar nicht soweit gekommen.

Der Neue Zeitgeist wird definitiv neuen-alten Regeln folgen: die Zyklusbewegung, die innere Logik der Bewusstseinsentwicklung, die neuen Technologien und auch, dass wir im Außen immer mehr „schreiend“ daran erinnert werden, dass das alte Paradigma der Abspaltung nicht mehr funktioniert, alles das zeigt eindeutig in eine neue bestimmte Richtung.
Im Versuch-und-Irrtum-Prozess, der gerade in Umbruchszeiten intensiver abläuft, müssen wir einzeln und als kollektiv herausfinden, wo die richtige Balance des Neuen Miteinanders liegt.

Ich bin überzeugt, dass dieser Prozess anfangs mühsam ist, dann aber selbststabilisierend schneller abläuft. Dabei wird der innere Zustand der Einzelnen, der Zustand der Gemeinschaft und der Zustand der Umwelt auf einer Linie liegen und nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden.

Die neuen Technologien werden uns sowohl dabei helfen als auch keine andere Wahl lassen.

Tektonische Platten ja, 1968 nein

„You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” ― R. Buckminster Fuller

Bitte kein Missverständnis. Wir haben 2017. Ohne sie geringzuschätzen, diese Bewegungen waren selbstverständlich enorm wichtig. Aber die Reformbewegungen um die Jahrhundertwende 19./20. als Verlängerung der Maschinenstürmer und religiösen Abschottungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts waren radikal, kompromisslos und hoffnungslos weltfremd. Und doch ein wichtiger Impuls zur gesellschaftlichen Monokultur der Mehrheitsgesellschaft.

In gewisser Hinsicht wiederholte sich mit der 1968er-Bewegung diese Dynamik. Das Aufdecken von gesellschaftlicher, Widersprüchlichkeit, Ignoranz, ja Heuchelei, erfolgte von der Jugend nach einer Sättigungsphase materiellen Wohlstands.
Verschiedene tektonische Platten prallten sozusagen aufeinander: starke geistige Bewegungen (Kommunismus, Psychologie), neue Technologien (TV, Massenverkehr, LSD), Wunsch nach Integrität statt brutalen, „notwendigen“ Kriegen (Vietnam).

Ich würde sagen, dass die Katastrophen des ersten und zweiten Weltkrieges, Kolonialismus und Totalitarismus, die Entmenschlichung gesellschaftlicher Ordnung (Maschinen, Zahlen, Massengesellschaft) erst in dieser Phase eine tiefere, gesellschaftliche Gegenreaktion fanden. Enough is enough sozusagen.

Heute ist die gesellschaftliche Ordnung vielfältiger, die Wertesysteme viel ausdifferenzierter, die Technologie integrierter, die Komplexität und Vernetzung viel umfangreicher.
Die Utopien von damals kommen uns heute geradezu trotzig-kindlich vor (Kommunen, Gemeineigentum, Basisdemokratie, totale sexuelle Freiheit).
Die Tektonischen Platten, die heute aufeinanderprallen, sind andere.
Die technologischen Umwälzungen laufen so schnell ab, dass es uns gesellschaftlich den Atem verschlägt. Die Fronten gesellschaftlicher Konflikte sind heute unübersichtlich und im Grunde ist heute jeder, auch der Reiche und Mächtige, ein Getriebener.

Noch finden viele Einzelkämpfe statt, aber unter der Oberfläche sind heute Interessensbündelung und Allianzen prägend, weil die gegenseitigen Abhängigkeiten größer und die Unsicherheit beziehungsweise Anfälligkeiten ebenfalls größer sind.

Also welche tektonische Platten ? Die inneren Widersprüche zwischen Anspruch (Gerechtigkeit, Rechtsstaat, Gesundheit, Umwelt) und Wirklichkeit werden immer größer. Auch die Händelbarkeit von Technologie ist eine solche und selbstverständlich die Umweltzerstörung und die Überdehnung der Komplexität über ein verträgliches Maß hinaus.

Der Lösungsweg liegt heute in der Überwindung der inneren Widersprüche, wieder mal im doppelten Sinne, individuell und gesellschaftlich.

Ich glaube, dass die Menschen das spüren, dass ein äußerer, ideologischer, materieller Weg nichts bringt. Dadurch ist die Einstellung von so vielen zur Politik und Gesellschaft so zynisch, opportunistisch oder gleichgültig. Und auf der Seite der Politik dominiert Show-Wahlkampf und haben im Grunde die Technokraten und geheime Lobbygruppen das sagen.
Was der Technologischen Avantgarde das technisch Machbare ist, das ist den Kulturell Kreativen ihre persönliche und gruppenbezogene Lebensbalance. Es bleiben noch die Traditionalisten, die noch stärker und starrer ihren konservativen Idealbildern verhaftet sind. Und die Opportunisten, die sich aus Hedonismus und Karrieregründen nach den Spielregeln einer immer unüberschaubareren Konsum- und Arbeits- bzw. Wirtschaftswelt orientieren und immer mehr den Anschluss verlieren.

Eine tektonisches Plattenpaar dürfen wir nicht vergessen, ein sehr klassischer Konflikt eigentlich: zentrale Macht- und Kontrollinstanzen versus dezentrale Lebenswelt der Menschen.
Diese Zentraleinheiten kämpfen um Vorherrschaft, werden aber angesichts der Langsamkeit, Lebensferne und nicht zuletzt aufgrund technologischer Veralterung den Kampf vielleicht nicht klassisch verlieren, sondern einfach an Bedeutung verlieren (Stichwort: Smart Cities, Smart Contracts, Blockchain, Künstliche Intelligenz).

Wenn das erstmal keine gute Nachricht ist.