Zusammenfassung des „Fail-Salons“ am 27. April 2019

8 Teilnehmer, Salon bei mir in West-Schwabing
 
Es ging zunächst um die Geschichte der Fuck-Up Nights (FUN):
Ursprung in Mexiko 2012, Selbstdefinition als „Global Movement“ auf der Seite
www.fuckupnights.com , dort mit folgenden aktuellen Zahlen
80 Länder, 304 Städte, 1.578 Vorträge, 190.000 Teilnehmer.
Das sind nur die Zahlen über die offizielle Seite, natürlich
gibt es noch viele nicht-registrierte Veranstaltungen. Diese Kernorganisation
gründete 2014 das FAILURE INSTITUTE.
Alfred besuchte schon vor ein paar Jahren 2 Veranstaltungen, es ging damals um Scheitern von Jungen Unternehmern, war sehr gut besucht und strahlte eine eigene Kraft aus.
Er recherchierte die aktuelle Situation in München:
heute gibt es die Agile Failure Night (1.Event 29.11.18), die HR Failure night („keinen Bock mehr auf best cases“, letztes Event Jan.2019),
Epic Fail Night Munich („Schöner Scheitern“, letztes Event Sept.2018, Epic Fail Night Filmfest München („Fail meets the Art“, letztes Event Juni 2017) und nicht
zuletzt das offizielle Chapter https://fuckupnights.com/munich (#4 am 26.Juni 2019 in der IHK München ! 🙂
Wie immer hat der Salon seine eigene Dynamik und so wussten wir nicht, wie die Runde mit dem Thema umgeht.
Tatsächlich war das persönliche Scheitern im Sinne von persönlicher Reflektion nicht der Mittelpunkt, was eine Teilnehmerin
mit einem gewissen Bedauern quittierte. Im Mittelpunkt unseres Salons stand das Scheitern als psychologisches und gesellschaftliches Phänomen.
Scheitern ist relativ: das war der zentrale Punkt unseres Salons: die Auffächerung wie relativ Erfolg bzw. Scheitern ist
– zur gesellschaftl. Konvention: was der Zeitgeist gerade als erfolgreich u. erstrebenswert definiert; gesellschaftlicher Status zu jeder Zeit
– zur jeweilig eigenen Vorstellung (was die Familie und das Umfeld einen vorgegeben (manchmal leider „eingetrichtert“) hat -> gelungene Reifung: mit Selbstbewusstsein UND den eigenen Stärken UND Schwächen die eigenen Lebensziele verfolgen; nicht gelungen: mit Defizit-Gefühl eine fixe Idee verfolgen;
– die Vorstellung eines individuellen Lebensweges ist recht jung (vielleicht 50-200 Jahre), früher (und in vielen kollektiv geprägten Kulturen heute noch) hat das Individuum die Erwartung und Aufgaben des Clans zu erfüllen; heute noch : Stichwort „Ehre“
– unsere Vorstellungen der Welt und von richtig/falsch sind so stark kulturell geprägt, was wir aber immer wieder vergessen, Europa/Westen ist so klein! (Jürgen)
– zur zeitweiligen eigenen Vorstellung (Momentaufnahme) : hier kamen aus der Runde viele Beispiele was wir früher für Ziele hatten, wie wir (gottseidank) gescheitert sind dass wir dadurch andere=bessere Wege einschlugen oder daran gereift sind; Zitat „Wen die Götter bestrafen wollen, den erfüllen sie ihre Wünsche“ (d.h.man wächst mit den eigenen Aufgaben und mit den Rückschlägen u. frühe Erfolge nähren die Selbstüberschätzung und Ansprüche an das Leben) (Kerstin) ; buddh.Geschichte vom zeitweiligen Scheitern/Unglück, die sich später als Glücksfall/Erfolg erwies (Will); „wer weiß für was es gut ist“
Weitere Aspekte
– „Manchmal sind die Ziele nicht klug“ (im Sinne von eigener Überforderung) (Kerstin)
– wie konstruktiv z.B. behinderte Menschen mit ihrer Situation umgehen (Will)
– Scheitern als zentrales Motiv in der Kunst: Literatur, Film etc.; uns interessiert das Scheitern anderer Menschen, wir sind fast besessen davon : Gerüchte, Sensationsjournalismus
– das führt zur Frage : was ist ein Held ? Antwort: widrige Startschwierigkeiten; bereit sich dem Leben zu stellen; Entscheidungsfreiheit weise/mutig nutzen; Reifung der Angst/des Egos zur „größeren Persönlichkeit“, Einsatz für etwas Größeres ; ein Held ist jemand der das Scheitern transformiert
Verantwortung als neue Ebene : wir können persönlich scheitern (z.B.bei einer fixen Idee), aber es geht immer weiter: Kinder, Familie, Freunde, Arbeitnehmer, Geschäftspartner…..
d.h.wir dürfen im Scheitern nicht steckenbleiben (es kann eh ein Ego-Projekt sein), sondern müssen wieder zur Gegenwart und Zukunft zurückkehren; wichtig z.B. bei Sucht
– Scheitern als Normalfall  Amerikanische Unternehmenskultur : jeder gestandene Unternehmer ist schonmal gescheitert und steht dazu
– Erfolg als öffentliche Wahrnehmungsverzehrung (Survival Bias) : wir kennen die Google-Apple-Facebook-Geschichten zur Genüge, aber wer redet von den viel zahlreicheren Mitbewerber, die nicht überlebten ?
– Scheitern als Normalfall 2: 90 % der Startups gehen pleite, das wissen alle Risiko-Investoren
– Jordan Peterson : eine gesunde Gesellschaft  ist eine Gesellschaft, in der die Fähigen und Fleißigen weiterkommen; er hält den Westen deswegen für insgesamt gesund (Kerstin)
– Scheitern als Normalfall 3: hinter jedem Erfolg stehen fast immer 1000 Rückschläge (siehe Biografien von Künstler, Erfinder, Naturwissenschaftler, Unternehmer)
– Wir müssen unseren Kindern den Umgang mit Rückschlägen lehren / vorleben, trotzdem Weitermachen, Modewort Resilienz
 
Hier enspann sich eine lebhafte Diskussion : ungerechte Startschwierigkeiten diskutieren u. abschwächen (Stichwort: Armut, Bildung, prekäre Familienverhältnisse); Ungerechtigkeit wird es immer geben ! Ja, aber der Kampf dagegen muss auch immer sein ! Den Kindern ist aber nicht gedient, wenn man sie erzieht in dem Verständnis, dass man die Verantwortung immer nach außen abschiebt (schlechte Note -> der Lehrer ist schuld !)
 
– Selbstmord als ultimatives Scheitern ?
– Wir sitzen alle im gleichen, schicksalhaften Boot des Lebens -> Solidarität
„Das letzte Wort haben die Biochemiker“ (genialer Ausspruch, halb-ernst gemeint) : Zufriedenheit/Glück bzw. Depression/Gescheitert-Sein findet nicht außen statt, sondern im Kopf;
Buddhismus, Meditation, Prozac
– Persönliche Bilanzfragen eines Salonteilnehmers: war ich glücklich, habe ich anderen geschadet ?
– Erfolgreiche Menschen, sind Menschen, die mit Rückschlägen besser (d.h.konstruktiver) umgehen können (->Modewort „Resilienz“)

– Scheitern als Bestandteil eines Dialogs mit dem Leben !